Der Glöckner von Notre Dame – Eine Rezension

Glöckner

Disney’s der Glöckner von Notre Dame

Der Bucklige von Notre Dame, eingesperrt in der Höhe des Glockenturms und voller Sehnsucht nach einem Leben da draußen, verliebt sich in die aufregende, feurige Zigeunerin Esmeralda, die ihn auf dem Fest der Narren vor dem wütenden Pöbel rettet und sich damit den Domprobst von Notre Dame zum Feind macht. Diese Geschichte aus der Feder von Victor Hugo wurde schon mehr als einmal erzählt und immer wieder mit neuen Ideen und Facetten gezeigt.

Stage Entertainment brachte es als Erfolgsmusical aus der Feder von Alan Menken und James Lapine für die ganze Familie bereits 1999 in einer an den Zeichentrickfilm angelehnten Version in das Theater am Potsdamer Platz nach Berlin, wo es 2002 seinen letzten Vorhang hatte. 2017 kehrt das Musical nun in einer vollständigen Neuinszenierung zurück in die Hauptstadt, aber dieses Mal in das Stage Theater des Westens, wo es bis November 2017 zu sehen ist.

Was ist neu an der Inszenierung? Was hat sich verändert? Wie packt diese neue Version einen Musical-Junkie wie mich? Ich habe mir das Musical angeschaut und mir mein eigenes Bild gemacht.

 

Bühnenbild

Ein imposantes Gerüstwerk aus Balken, Trägern und Seilen dominiert das Bühnenbild von Anfang bis zum Finale des Stücks und entführt den Zuschauer direkt in das Innere des monumentalen Gebäudes von Notre Dame. Bewegliche Bühnenelemente wie die majestätischen Glocken des Doms fahren von der Decke herunter und wechseln zwischen der Kapelle und dem Glockenturm thematisch hin und her. Der Chor in grauen Kutten gekleidet und im Hintergrund verharrend vermischt sich als kontinuierliches Element Mitgliedern des Ensembles, die sich im Laufe der Show immer wieder aus dem Chor herauslösen, um mal die Wasserspeier und Statuen, mit denen sich der Hauptdarsteller unterhält, und um mal die Bewohner der Stadt darzustellen. Zum ersten Mal in einem Stage Musical hat der Zuschauer das Gefühl, als würde das Ensemble kontinuierlich auf der Bühne verweilen und je nach Szene in eine andere Rolle zu schlüpfen. Mit Hilfe von Accessoires und kleinen Bühnenelementen werden neue Szenenbilder geschaffen, Fahnen drapiert, Stuhlbänke zu Gefängnistüren umgewandelt und mit Hilfe von Licht und Schatten in eine neue Stimmung versetzt. Über allem thront aber stets der große Holzaufbau, der das Innere von Notre Dames und des Glockenturms widerspiegelt und hinterlässt am Ende nur ein Gefühl: Warum so reduziert, dass der Zuschauer immer das Gefühl hat, sich nur in der Kirche zu befinden. Ob beim Fest der Narren, im Hof der Wunder oder bei wunderbaren Melodien wie „Draußen“ oder „Dach der Welt“ können neue Elemente nicht davon ablenken, dass die neue Bühne das Musical sehr einengt und nicht die Freiräume und Abwechslung im Bild bietet, was es verdient. Der Zuschauer wird eigentlich wie Quasimodo in der Kirche eingesperrt und dort festgehalten. Ganz am Ende zeigt die Inszenierung dann doch, dass auch die große Front-Fassade, die man stets nur von innen sieht, auch zu öffnen ist und die Bühne gleich in ein ganz anderes Licht und Feeling taucht, was viel früher hätte passieren können.

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Die Show

Man neigt stets zum Vergleich, wenn etwas neu inszeniert wird und manchmal hat man Glück und es gefällt einem oder die neuen Ideen schaffen eher ein negatives Gefühl. Bei dieser Version war ich sehr zwiegespalten, was neue Ideen und Umsetzungen angeht. Doch beginnen wir am Anfang. Mit dieser Version des Victor Hugo-Romans holt Stage Entertainment Quasimode heraus aus der bunten Familienwelt von Disney, denn die gesamte Show wirkt viel erwachsener, viel düsterer und auch teilweise grausamer, als es der 90er Jahre Zeichentrickfilm natürlich war. Die Geschichte hält sich viel näher an das Originalbuch, das 1831 erschienen ist. Zwei Brüder, der eine ein Lebemann und der Andere, der sein Herz und Handeln nur Notre Dame weiht, zerstreiten sich und werden getrennt. Eines Tages taucht der jüngere Bruder total verlebt und kaputt auf und vertraut dem Älteren sein Kind an. Das entstellte Gesicht sieht der mittlerweile zum Domprobst aufgestiegene Frollo als ein Zeichen Gottes an und nimmt sich widerwillig dieses Geschöpfes an, während der jüngere Bruder in seinem Beisein stirbt. Von da an beginnt die Geschichte wie bei Disney im Film, doch verzichtet Stage hier auf künstliche Effekthascherei, sondern setzt gekonnt auf erwachsene Theater-Elemente, die Musiktheater und Schauspiel verbinden. Es werden keine Bühnenteile per Fernbedienung hereingefahren, die das Bild verändern, oder große Leinwände und LED-Wände mit aufwändigen Projektionen bestückt, sondern ganz reduziert auf Lichteffekte und kleine Elemente Wert gelegt, die in Verbindung ein neues Gefühl schaffen sollen. Leider bleibt bei dieser Art der Umsetzung oftmals das Bild von Notre Dame zu präsent und das auf Kosten der gesamten Atmosphäre, denn als Zuschauer hat man immer das Gefühl, im Dom gefangen zu sein.

Das Ensemble macht sich als Bühnenarbeiter recht gut und ihnen gelingt der Szenenwechsel sehr gut, ohne den Ablauf dabei zu stören. Doch beim näheren Beobachten des Ensembles während der gesamten Show fallen immer wieder sehr viele Unsicherheiten in Bewegungen und einzelnen Choreographien auf, die sehr gespielt und nicht gelebt wirken. Mir persönlich gefällt die Idee sehr gut, das Ensemble immer auf der Bühne zu sehen und dann in die Bürger oder die Wasserspeier zu wechseln, aber irgendwie beschleicht mich immer das Gefühl, als würden selbst nach 100 Vorstellungen viele Bewegungen und Abläufe immer noch nicht sitzen und ich entdecke immer wieder einige, fragende Gesichter, die zu fragen scheinen: Was soll ich als nächstes tun?

Auch die Tanzszenen bieten keinen Wow-Effekt, der mitreißt und die Stimmung auf der Bühne transportiert. Was mir fehlt ist die Leidenschaft, das Flüssige in den Bewegungen und vor allem das, was mich als Zuschauer in die Welt von Victor Hugo abholt. Mich beschleicht die Vermutung, dass sowohl Regisseur als auch Choreograph nur einen Job nach Plan gemacht haben, aber nicht dafür gesorgt werden, dass alles bis in letzte Detail stimmt und das finde ich sehr, sehr schade.

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Die Darsteller

Esmeralda (Sarah Bowden)

Diese Rolle muss Feuer haben, für Leidenschaft stehen und die Bühne mit Licht füllen. Esmeralda ist die Frau, die gleich drei Männern auf der Bühne den Kopf verdreht und darunter selbst den Domprobst Frollo um den Verstand bringt. Wie es schon Gina Lollobrigida im Film mit Anthony Quinn und selbst die Zeichentrickfigur im Disney-Klassiker geschafft hat.

So war ich bezüglich der Wahl von Sarah Bowden als neue Esmeralda sehr voreingenommen, denn die bekannte Sängerin und Tänzerin, die man aus „Cats“, „Tanz der Vampire“, „A Chorus Line“ oder „We Will rock you“, vereint für mich persönlich so gar nichts, was ich mit einer aufregenden Zigeunerin in Einklang bringen würde. Entsprechend hoch waren natürlich auch die Erwartungen, ob sie mich eines Besseren belehren würde.

Und leider tat sie es nicht. Statt Emotionen und Leidenschaft erlebte ich eine statisch heruntergespielte Rolle, ohne Feuer, ohne Passion und vor allem – und das finde ich noch schlimmer – kaum glaubwürdiges Zusammenspiel mit den anderen Mitgliedern des Ensembles. Man spürte nichts von der Liebe zu Phoebus, man nahm ihr nicht das Mitleid für Quasimodo ab und vor allem ist sie keine Zigeunerin. Ihre Tanzszenen wirkten seelenlos und einstudiert und auch stimmlich konnte sie nichts in mir berühren, was andere, die „Gott, deine Kinder“ gesungen haben. Sie wirkt auf der Bühne leider sehr verloren in dieser großen Rolle und schafft es leider nicht, dies durch besondere Highlights weg zu machen.

 

Erzdiakon Claude Frollo (Felix Martin)

Wer erinnert sich nicht an das diabolische Grinsen des Bösewichts in dem Zeichentrickfilm? Ein Mann zwischen Pflicht und Emotionen, dessen Weltbild durch eine einzige Begegnung ins Wanken gerät und dem alle Mittel recht sind, um diese Frau zu finden. Felix Martin schien an diesem Abend in Hochform zu sein, denn seine Interpretation des Frollo schaffte es, mich sehr intensiv abzuholen.

Stimmlich lieferte er eine exzellente Vorstellung ab und setze auch schauspielerisch genau die Akzente, die dieser Figur zum Leben verhelfen. Mit dieser Besetzung hat Stage wirklich alles richtig gemacht.

 

Hauptmann Phoebus de Martin (Daniel Rakasz)

Ein Pfau voller Selbstsicherheit, dem durch eine einzige Frau nicht nur das Herz, sondern auch die Augen geöffnet werden und der nicht länger dem martialischen Treiben des Erzdiakon zusehen kann und sich gegen ihn auflehnt. Mit Daniel Rakasz hat das Musical zumindest schon einmal eines sicher: Der Hauptmann ist ein Blickfang sobald er die Bühne betritt. Nach der Show konnte ich mich noch mit dem gebürtigen Ungarn unterhalten und erfuhr, dass er eigentlich als Quereinsteiger zum Musical und damit auch nach Deutschland gekommen ist, was ich ihm schon einmal hoch anrechne. Seine sanglichen Leistungen haben auf jedenfall überzeugt, doch im Schauspiel fehlten mir dann leider ein paar Facetten, die ihn etwas prägnanter gemacht hätten. Im gesamten Verlauf wirkt er sehr nett und freundlich und macht einen guten Job, aber gerade zu Anfang hätte ich mir ein wenig mehr männliches Gehabe gewünscht. Zum zweiten Akt hin steigerte er dann seine Leistung und wurde – vor allem in der Gefängnisszene – aber dann von seiner Kollegin Sarah oftmals alleine gelassen. Man merkte als Zuschauer, dass sie nicht die Nähe der Szene ihm gegenüber zugelassen hat, um wirklich große Emotionen zu wecken. Ich denke von diesem jungen Mann werden wir noch viel hören.

 

Quasimodo (David Jakobs)

Eine sehr herausfordernde Rolle für jeden, der sie spielt, und so ist die Erwartung seine Leistungen betreffend natürlich am höchsten. Zwischen der Einsamkeit des Glockenturms mit Frollo als einzigem Gesprächspartner sucht sich der Glöckner die Wasserspeier und Statuen als Gesprächspartner aus, um mit ihnen seine Gedanken zu teilen. Der Wunsch in ihm wächst, auch andere Menschen zu treffen und so kommt es zu dem alles verändernden Tag, als er sich verkleidet auf das Fest der Narren wagt. Ein Erlebnis, dass alle Charaktere prägt und verändert, besonders diesen.

David Jakobs gelingt eine fulminante Darstellung dieses Charakters zwischen mal kraftvollen, mal tiefgründigen Gesangspassagen, die ihm scheinbar extrem leichtfallen. Er schwingt zwischen Höhen und Tiefen so leicht hin und her, als würde er die Glocken der Kirche wirklich zum Leben erwecken und holt den Zuschauer genau da ab, nämlich im Herzen. Man hat Mitleid, man ist wütend auf die, die ihm Böses wollen und wünscht sich ein Happy End für diesen Menschen.

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Fazit

Mit dieser Inszenierung ist es Stage Entertainment wirklich gelungen, den Glöckner erwachsen werden zu lassen, was dieses Musical meiner Meinung nach nicht zu einem Familienmusical macht, sondern eher für die erwachsenen Zuschauer eignet. Stets die Frage im Raum „Was macht ein Monster aus und was einen Mann?“ wird erst der Schauspieler vor den Augen des Publikums zu Quasimodo und am Ende wieder zum Schauspieler, während der Rest des Ensembles sich die schwarzen Streifen des Glöckners auf das Gesicht malen und so seinen Platz einnehmen. Die Moral ist eindeutig, in jedem stecken Gut und Böse, aber nicht immer offenbart das Äußere, wozu ein Mensch wirklich fähig ist.

Das Ensemble liefert eine gute Show ab, wobei es in vielen Passagen zu holprig und ungeübt wirkt, was manchen Szenen den Zauber nimmt. Das Ganze wird überschattet von einer Hauptrolle, die dem Anspruch und der Person, die verkörpert werden soll, leider nicht gerecht wird, was auch die beiden sanglichen Highlights nicht wegmachen können.

Im Gesamtbild hätte ich mir etwas mehr „Draußen“ gewünscht, was das Bühnenbild gerade zum Finale ja beweist, dass es möglich ist, um mehr Paris, mehr Leben, mehr Notre Dame von außen zu sehen. Ich fühle mich zu sehr in der Kirche eingesperrt als Zuschauer.

Noch zu erwähnen ist der fulminante Chor, der immer wieder Gänsehautmomente erzielt hat, besonders beim Opening des zweiten Aktes, der in der Gesamtwirkung definitiv besser war als der Erste. Natürlich war es für alle die zweite Show an einem Tag, aber dennoch darf das nicht auf Kosten der Qualität laufen.

Ich bin froh, mir den „Glöckner von Notre Dame“ angeschaut zu haben, denn es ist in der finalen Betrachtung ein tolles Stück mit sehr guten Momenten, aber leider nicht da, wo es darauf ankommt, was besonders an einer schwachen Esmeralda und einem zum Teil sehr gespielten Ensemble liegt. Man hat leider das Gefühl bekommen, dass alle (bis auf Quasimodo und Frollo) ihre Rolle nur spielen, sie aber nicht leben. Und genau davon lebt ein Musical: Wir wollen in eine andere Welt abgeholt werden, wir wollen berührt, wir wollen verzaubert, wir wollen eins werden mit den Figuren. Das ist leider nur zu einem ganz kleinen Teil gelungen. Ich bin der Meinung, dass es perfekt gespieltes, glaubwürdiges Stück mich auch das sehr starre Bühnenbild (trotz imposanter Glocken, die aus der Decke kamen) hätte vergessen lassen, doch so kamen zu viele Details zusammen, um ein besseres Fazit zu ziehen.

Tickets für das Musical können hier bestellt werden!

Photos by Johan Persson © Disney

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