Die Schöne und das Biest – eine Fankritik

Beauty

Weichgespülte Charaktere in Moll

 

Seit vergangenem Donnerstag ist die neue Realverfilmung eines Disney-Klassiker in den Kinos angekommen. Nach Blockbustern wie „Maleficent“, „The Jungle Book“ und „Cinderella“ holt das Mickey Mouse-Label nun den französischen Märchenklassiker „Die Schöne und das Biest“ in die mehr oder weniger reale Welt. Das bekannte Märchen über ein junges Mädchen, dass in einem Schloss ihren Vater aus dem Verlies rettet, seinen Platz einnimmt und sich damit in die Hände eines schrecklichen Biests begibt, zog die Besucher bereits 1991 als Zeichentrickfilm in seinen Bann.

Meine Erwartungen an diese Neuauflage sind entsprechende hoch, denn mit seinen klar umrissenen Charakteren, die wie von Unruh’s Zahnräder perfekt in einander spielten, gefühlvollen und mitreißenden Melodien, gehörte der Trickfilm von 1991 zu meinen absoluten Favoriten der Traumschmiede Disney. Und nachdem das Haus mit den letzten Realverfilmungen gezeigt hat, dass sich Figuren auch weiter entwickeln können, sich positiv verändern und dennoch dem Charme des Originals nicht verloren geht, muss gerade diese Verfilmung ein Erfolg werden.

Doch bereits im Vorfeld begannen die Zweifel bei der Besetzung der Belle. Ein Mädchen, dass gebildet ist, sich nicht von der simplen Einfachheit und Gewohnheit der Menschen um sie herum anstecken lässt, und klare Vorstellungen vom Leben hat, braucht einen starken, wandelbaren Charakter. Für die Zeit ein starkes Mädchen, die die Welt um sich herum nicht als selbstverständlich nimmt, mutig ist und dennoch etwas zartes, Verletzliches hat. Konnte Emma Watson in der Hauptrolle diesem Anspruch gerecht werden?

Ihre Darstellung der Belle hatte durch aus ein paar Höhepunkte, aber leider entwickelte sie die Figur im Film nicht weiter, sondern kam vom Anfang bis zum Ende als ein recht plumpes Bauernmädchen herüber, der es sowohl in der Mimik wie auch in der Körpersprache an Abwechslung und Ausdruck fehlte. Der Wandel von einem einfachen Mädchen zu einer starken Frau, bleibt ein wenig auf der Strecke und hätte stärker gezeigt werden können. Gar nicht zu vergleichen mit der großartigen Lily James, die 2015 in der Realverfilmung von Cinderella die Titelrolle verkörperte. Sie schaffte diesen Spagat mit Bravour.

Somit fehlte schon gleich der Zauber der weiblichen Hauptfigur und auch die Beziehung zwischen Belle und dem Biest war in der Entwicklung nicht nachvollziehbar. Erst einmal war das Biest nicht wirklich böse und angsteinflößend, sondern wirkte wie ein verwöhnter Junge, was sich nicht viel veränderte.  Im Allgemeinen fehlte es bei allen Figuren an Entwicklung. Man bewegte sich auf einem ganz sicheren Level, ohne mal ein wenig zu überzeichnen oder wagemutiger zu sein, dass man in „The Junge Book“ und „Cinderella“ definitiv war. Da half auch kein schwuler „LeFou“ (Gastons Kumpel) und die immer mehr wachsende Zahl an gemischtrassigen Pärchen, die uns die Medien als super News verkauften.

Nun zu den Nebenfiguren, die in einem Disney-Abenteuer das Salz in der Suppe sind. Die Mouse-Fabrik sparte auch hier nicht mit großen Namen und so traten Emma Thompson als Madame Pottine, Stanley Tucci als Cembalo, Ewan McGregor als Lumière und Ian McKellen als Von Unruh auf den Plan. Alles großartige Mimen, die tatsächlich das Potenzial haben, jede einzelne Eigenschaft der Charaktere bis ins Letzte auszureizen. Gerade der penible, leicht zänkische Von Unruh in Verbindung mit dem dauerflirtenden Charmeuer Lumière sorgten im Original für viel Kurzweil. Doch leider hat Disney es hier mit den Nebenfiguren sehr übertrieben. Man verlor sich in perfekter Animation und in so vielen optischen Details, dass die Figuren miteinander und dann wieder jede für sich, zum Teil in Belanglosigkeit untergingen. Man setzte auf tolle Namen und bot ihnen gar nicht die Chance zu Entfaltung. So hätte ich mir gewünscht, sie am Anfang bei der Verwünschungs-Szene noch in real zu sehen und zu erleben, wie sie dann zu dem werden, was sie sind. Stattdessen sah man viele, weiß gekleidete Damen um den Prinzen herum, die für die Handlung eigentlich keine Rolle spielten.

Selbst als der Zauber aufgelöst wird, wird das Schloss zu einem Massenauflauf an Menschen, wo jeder einzelne Akteur einfach in der Menge untergeht – und mal im Ernst, ich habe Ewan McGregor nach der Verwandlung überhaupt nicht erkannt. Während sich der Trickfilm die Zeit nimmt, jedem Charakter seinen Raum zu geben, rutscht man in dieser Verfilmung in ein Meer von Details, Animationen, Menschen, die über die Schwächen der Hauptpersonen hinweg zu täuschen scheinen. Man hat das Gefühl als fliege die Kamera die meiste Zeit um die Figuren drum herum und mit dem Fliegen kommt die für Disney-Filme scheinbar mittlerweile typische Bewegungsunschärfe in 3D dazu, was gerade bei der Ballszene dafür sorgt, dass man sie nicht genießen kann.

Was im Ende leider übrig bleibt, ist zwar ein nett gemachter Film, wo der Pomp überragte und das Schauspiel auf der Strecke blieb. Jeder wirkt als stünde er auf der Handbremse und mit zu viel Weichspüler intus. Da können auch die neuen Hintergrundinformationen, die man versuchte einzubauen, nichts dran ändern, denn sie wirken sehr künstlich platziert und wenig glaubhaft (besonders die Szene in Paris und die Erkenntnis von Belle, was mit ihrer Mutter geschehen ist). Selbst Luke Evans, der sehr gut in die Rolle des Gastons passt, schafft es nicht, den Jähzorn, die unfassbare Arroganz und die grenzenlose Selbstliebe so heraus zu arbeiten, dass man nah ans Original kommt, da hilft auch ein schwuler Kumpel an seiner Seite nicht, um für News zu sorgen.

Man hat sich hierbei wirklich sehr nah an das Original gehalten, neue Ideen wirken dagegen sehr künstlich und gezwungen eingebaut. Für einen Fan des Klassikers wird diese Variante nicht einmal im Ansatz das Herz treffen. Für die, die das Original vielleicht nicht kennen, ist es ein buntes, abwechslungsreiches Bonbon à la Disney, das sich leider in zuviel Gesang, viel zu vielen Details und Pomp verloren hat.

Zudem kam die sehr schlechte Synchronisation des Films dazu. Klar, in den Gesangsszenen lippensynchron zu sein, kann nicht klappen, aber dafür sollte man es bei den Textpassagen zumindest versuchen. Man hatte sehr häufig das Gefühl, dass die Figuren zwar redeten, aber das eine nicht zu dem anderen passte.

Aber Disney wäre ja auch nicht Disney, wenn es immer ein kleines Bonbon gäbe und so sorgte Weltstar Celine Dion, die im Original von 1991 den Titelsong sang, für mein persönliches Highlight des ganzen Films. Völlig unerwartet tauchte ihre Stimme im Abspann auf und performte die wunderbare Ballade „How Does A Moment Last Forever“.

Liebe Presse, das wäre eine tolle News gewesen und nicht, dass es einen ersten, schwulen Disney Charakter und ein Land – ich sage nicht welches – deswegen die FSK-Grenze hochsetzt! So etwas heute noch als NEWS pushen zu müssen, ist traurig genug.

Mein Tipp für alle, die dieses Märchen sehr gerne mögen, ist die Verfilmung von Christophe Gans aus dem Jahr 2014 mit dem charismatischen Vincent Cassel und der beeindruckenden Léa Seydoux. Hier erlebt man wirklich, wie nah man sich an ein Buch halten kann, aber mit tollen, neuen Ideen für mehr Spannung sorgen kann. Auch die Idee, wie hier Hintergrundinformationen eingeflochten werden, ohne künstlich zu wirken, ist ausgezeichnet gelöst. Wer diesen Film zuerst gesehen hat, wird sich mit „Disney’s die Schöne und das Biest“ leider sehr schwer tun.

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Photos (C) Disney, Pathé Distribution

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